Das lasse ich mir nicht bieten

ISL e.V. - Jessica Schroeder
Since 11/2021 6 Episoden

Der Schwerbehindertenausweis

Stigma oder Unterstützung zur Teilhabe?

13.04.2022 24 min

In unserer dritten Podcast-Folge beschäftigen wir uns mit dem Schwerbehindertenausweis. Gemeinsam klären Jenny Bießmann (Teilhabeberaterin und ISL-Vorstandsmitglied) und Alexander Ahrens auf: Darüber, ob ein Schwerbehindertenausweis für seine*n Besitzer*in ein Stigma oder eine echte Unterstützung zur Teilhabe darstellt. Natürlich erfahrt ihr auch, wie ihr einen Schwerbehindertenausweis beantragt, welche Nachteilsausgleiche dieser bietet und wie er euch das Leben ein bisschen erleichtern kann.
 

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In unserer dritten Podcast-Folge beschäftigen wir uns mit dem Schwerbehindertenausweis. Gemeinsam klären Jenny Bießmann (Teilhabeberaterin und ISL-Vorstandsmitglied) und Alexander Ahrens auf: Darüber, ob ein Schwerbehindertenausweis für seine*n Besitzer*in ein Stigma oder eine echte Unterstützung zur Teilhabe darstellt. Natürlich erfahrt ihr auch, wie ihr einen Schwerbehindertenausweis beantragt, welche Nachteilsausgleiche dieser bietet und wie er euch das Leben ein bisschen erleichtern kann. 
 

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Transkript

Die Episode zum nachlesen.

Fragen über Fragen. Nach über 100 Bewerbungen wurde ich noch immer nicht für ein Bewerbungsgespräch eingeladen. Woran liegt das? Warum hat mein Spielplatz keine gute Rampe? Wieso dauert es eine Ewigkeit, bis ich meinen elektrischen Rollstuhl bewilligt bekomme? Das lasse ich mir nicht bieten. Der Podcast über Wege durch den Rechtedschungel. Mit diesem Podcast möchten wir gemeinsam auf die Suche nach einigen Antworten gehen. Konkret setzen wir uns mit der UN- Behindertenrechtskonvention auseinander und schauen, wie diese im Sozialrecht, im Arbeitsrecht oder in anderen Rechtsbereichen durchgesetzt wird. Dieser Podcast möchte behinderte Menschen darin unterstützen, ihre Rechte effektiv durchzusetzen, Fremdbestimmung entgegenzuwirken und Selbstbestimmung zu fördern. Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Podcastfolge der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben - Das lass ich mir nicht bieten. Wege durch den Rechtedschungel." Heute mit dem Thema "Der Schwerbehindertenausweis - Stigma oder Unterstützung zur Teilhabe?" Tja, viele von uns haben sich schon gefragt, okay, Schwerbehindertenausweis, wenn ich den habe, dann bin ich ja wirklich behindert oder werde jedenfalls behindert. Und bringt mir das denn was? Oder diskriminiert mich der eher? Diese und andere Fragen, also was der Schwerbehindertenausweis überhaupt bringt, was für Nachteilsausgleiche er bereithält, die erörtert heute mein Kollege Alexander Ahrens zusammen mit Jenny Bießmann, der Expertin in diesem Bereich, die bei der unabhängigen Teilhabe-Beratungsstelle "Aktiv und selbstbestimmt Leben" in Berlin arbeitet, selbst eine Beeinträchtigung hat und im Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben aktiv ist. Ich freue mich mit euch, hoffentlich, auf diese Folge und kann euch nur sagen, dass sie aus mehreren Teilen bestehen wird, denn wir haben auch noch einen Teil, in dem eine Interviewpartnerin darüber berichten wird, welche Probleme sie eigentlich gehabt hat, einen Schwerbehindertenausweis für ihren Sohn zu beantragen und den Grad der Behinderung feststellen zu lassen und wie sie sich dagegen gewehrt hat. Außerdem wollen wir euch in einer dritten Folge ein bisschen näher bringen, was denn der Grad der Behinderung eigentlich genau bedeutet, wie man diesen feststellen lassen kann und wo da die Probleme und Komplikationen so liegen können Jetzt freue ich mich aber erstmal mit euch auf diese neue Folge und kann euch nur schon mal sagen, dass euer Ausweis ein bisschen Gold wert ist. Jedenfalls dann, wenn ihr auch ein Beiblatt zum Schwerbehindertenausweis habt mit einer Wertmarke. Dieses Beiblatt bei einem Schwerbehindertenausweis bekommen zum Beispiel Menschen, die den beantragt haben, die blind sind oder außergewöhnlich gehbehindert oder gehbehindert und/oder hilflos. Und wenn sie gleich noch mehrere Merkzeichen haben, um so besser, dann gibt es das auf jeden Fall. Und auf diesem Beiblatt ist ein Kinegram eingearbeitet und dieses Kinegram soll das Beiblatt, also das Beiblatt und die Wertmarken davor schützen, gefälscht zu werden. Und das Kinegram ist so eine zweidimensionale Abbildung, die, wenn man sie in unterschiedliche Richtungen kippt, etwas unterschiedlich darstellt. So hat es Wikipedia mir jedenfalls erklärt. Da ich blind bin, kann ich das selber gar nicht so gut nachprüfen. Aber was daran witzig war, ist, Kinegrame sind teilweise auch in Goldbarren eingeprägt. Die nennt man dann Kine-Goldbarren. Das ist ein patentiertes Verfahren. Und dann ist da so eine Prägestruktur auf diesem Goldbarren. Also könnt ihr euch glücklich schätzen. Euer Beiblatt zum Schwerbehindertenausweis in Kombination mit dem Schwerbehindertenausweis ist also Gold wert. Und was es alles für Nachteilsausgleiche gibt, die wir auch unbedingt in Anspruch nehmen sollten, weil uns die Gesellschaft eh schon so viele Hindernisse und Stolpersteine in den Weg legt, das erfahrt ihr in der jetzigen Folge. Viel Spaß dabei. Und bei Fragen, Kritik, Beschwerden, was auch immer ihr loswerden möchtet, immer sehr gerne eine Mail an die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben oder an mich, Mitarbeiterin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben - findet ihr alles in den Shownotes und Infos zum Podcast. Dort sind auch noch einige weitere Links hinterlegt mit nützlichen Informationen zur Beantragung zu den unterschiedlichen Merkzeichen. Zum Beispiel Merkzeichen B für Begleitung, dass ich eine Begleitperson mitnehmen darf, die dann umsonst in den öffentlichen Verkehrsmitteln des Regional- und Fernverkehrs mitfahren darf. Oder das Merkzeichen AG, wenn man eine außergewöhnliche Gehbehinderung hat, also dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen ist und wirklich ohne den Rollstuhl eigentlich nicht wirklich gehen kann. Und RF für die Rundfunkgebührenbefreiung, also bedeutet, ich kann zum Beispiel nicht hören oder ich bin blind, dann werde ich von den Rundfunkgebühren befreit. Folge ab. Ich habe heute im Interview die Jenny Bießmann von einer ergänzenden unabhängigen Teilhabe-Beratung, kurz EUTB. Und ich wollte Jenny Bießmann mal fragen, was macht eigentlich so eine EUTB und für wen ist sie gedacht? Und welche Fragen, insbesondere auch zum Schwerbehindertenausweis, werden denn eigentlich am häufigsten gestellt? Hallo Jenny. Ja, hallo Alex, schön, dass ich da sein darf. Genau. Zu deiner Frage. Was macht denn so eine EUTB? Na ja, also wir beraten primär Menschen mit Behinderung, von Behinderung bedrohte Menschen und deren Angehörige. Es geht um die Themen "Wie kann ich als Mensch mit Behinderung an dem gesellschaftlichen Leben teilhaben?" Und wenn wir uns jetzt auf den Schwerbehindertenausweis fokussieren, da sind natürlich die häufigsten Fragen, Ängste. Was bedeutet es überhaupt, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen? Welche Vor- und Nachteile hat das für mich? Genau. Also das sind so die Themen. Und wo beantrage ich das Ganze überhaupt? Und brauche ich dafür eigentlich einen Grad der Behinderung, um den zu bekommen? Also als Voraussetzung für den Schwerbehindertenausweis denken viele, dass sie erst einen Grad der Behinderung überhaupt haben müssen. Genau. Aber da wäre ja die Frage auch interessant, warum sollten Menschen, die eine Einschränkung haben, eigentlich unbedingt einen Schwerbehindertenausweis beantragen? Und vor allen Dingen, wer kann den überhaupt beantragen? Also sind das jetzt nur Menschen mit einer sichtbaren Behinderung? Nein, genau. Ganz, ganz wichtig. Es können prinzipiell alle Menschen erst mal einen Schwerbehindertenausweis beantragen. Alle Menschen hört sich immer so an, ja ja, kann jetzt jeder mal hingehen. Nein! Es muss natürlich schon eine Einschränkung vorliegen, aber es muss keine sichtbare Behinderung vorliegen. Auch Menschen mit einer Sinneseinschränkung, Menschen mit einer seelischen Behinderung, können einen Behindertenausweis beantragen. Was haben denn die Menschen davon, wenn sie so einen Schwerbehindertenausweis beantragen? Ist das so eine Art Schlüssel zu mehr Teilhabe? Das ist eine sehr gute Frage. Jein. Ich würde sagen, jein. Es ist nicht unbedingt das Tor zu Allem. Aber gerade, wenn ein Mensch mit Behinderung einen Schwerbehindertenausweis hat, hat die Person natürlich die Möglichkeit, wenn sie berufstätig ist, mehr Urlaubstage in Anspruch zu nehmen aufgrund des Schwerbehindertenausweises. Es gibt Steuervergünstigungen ab einem Grad der Behinderung von 50 mit dem Schwerbehindertenausweis in Kombination. Es gibt, und da sind wir wieder in dem Freizeitbereich, bei der Teilhabe, natürlich auch punktuell Vergünstigungen, wenn es ins Theater geht oder in den Zoo etc. Okay, also das sind sozusagen dann sogenannte Nachteilsausgleiche? Also sozusagen, das sind ja quasi schon diese Nachteilsausgleiche, die dieser Schwerbehindertenausweis ja auch mit sich bringt. Weil viele Menschen sprechen ja auch von Vorteilen. Aber warum sprechen sie so und stimmt das überhaupt? Ist es denn wirklich ein Vorteil, wenn ich zum Beispiel auf dem Behindertenparkplatz stehen darf? Na ja, das könnte man natürlich erstmal so denken - Vorteil. Aber natürlich sind es, du hast es gerade selber gesagt, Nachteilsausgleiche. Wir Menschen mit Behinderung sind ganz schön häufig benachteiligt, weil wir einfach nicht so leicht Zugänge bekommen. Und demzufolge ist es natürlich nur gerechtfertigt, mit dem Ausweis auch einen Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen zu können. Ich würde niemals und tue es auch in der Beratung nicht, wenn jemand kommt, ja, was sind denn Vor und Nachteile, davon sprechen, sondern es sind Ausgleiche. Ja? Also auch, wenn, ich habe vorhin gesagt, es gibt Steuervergünstigungen. Hört sich ja erst mal als mega Vorteil an. Aber dass wir Menschen mit Behinderung natürlich wesentlich mehr Ausgaben aufgrund der Behinderung haben, weil wir vielleicht Unterstützung brauchen oder teurere Autos oder oder. Also ist es eher der Nachteilsausgleich und kein Vorteil. Könntest du nochmal so kurz erklären, wie so ein Schwerbehindertenausweis funktioniert? Also von der Beantragung her bzw. dann auch, wenn ich ihn endlich habe? Also was muss ich haben? Ich sag mal, wenn jemand sich eingeschränkt fühlt in seiner Teilhabe, weil er eine Funktionseinschränkung zum Beispiel am Körper hat. Wie geht er da am besten vor? Genau. Also erst mal... Ich mach es mal ganz praktisch, ja? Zu uns in die Beratungsstelle kommt ein Mensch mit Behinderung, hat die Anfrage, Mensch, ich würde gerne mir Gedanken über die Beantragung eines Schwerbehindertenausweis machen. Was brauche ich dafür? Erst mal ist es wichtig, dass eine Einschränkung vorliegt. Dann überlegen wir, in welcher Region das Ganze beantragt wird. In Berlin wird es beim Versorgungsamt - beim "Lageso" beantragt. Dieser Antrag dauert im Übrigen sehr, sehr lange, bis er durch ist. Dann gibt es ein Antragsformular, welches wir uns gemeinsam angucken können bzw. die Person dann die Info bekommt, wo sie es findet. Und in diesen Antrag müssen dann die behandelnden Ärzt:innen, Krankenhausaufenthalte, Reha- Geschichten eingetragen werden. Damit dann einfach gekuckt werden kann vom Versorgungsamt, das und das liegt vor. Man hat die Möglichkeit, natürlich auch Merkzeichen zu beantragen. Also ein B für die Begleitperson. Das kann für Menschen im Rollstuhl relevant sein, aber auch für Menschen mit seelischen Hindernissen. Die einfach Unterstützung brauchen, um rauszugehen, um den ÖPNV nutzen zu können. Genau. Das sollte man dann auch nochmal extra ankreuzen in diesem Formular. Und dann reicht man das Ganze ein. Und das dauert dann leider Gottes. In Berlin aktuell sechs Monate und länger, bis man überhaupt eine Rückmeldung bekommt. Und dann ist die Rückmeldung im Idealfall positiv, sodass gesagt wird, Ihr Behindertenausweis wird genehmigt. Dann hat man diesen in der Hand. Beispielsweise ist man auch noch studierende Person, möchte an der Uni direkte Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen, nämlich bei Prüfungen vielleicht etwas mehr Zeit bekommen. Da hat es dann den Vorteil, dass man diesen Ausweis mit einreicht, wenn man das beantragt und dem zufolge man sich nicht ganz so viel rechtfertigen muss, warum man das Ganze jetzt braucht, sondern dass es leichter durchgeführt wird. Wir bekommen öfter Anfragen von Menschen, die der Meinung sind, dass ihnen den r Zugang zu diesem Schwerbehindertenausweis oft erschwert wird. Siehst du das auch so aufgrund deiner Beratungserfahrung oder ist das immer sehr individuell? Es ist wie bei allen Anträgen sehr individuell, aber natürlich vermehrt gibt es Ablehnungen. Ich habe ja gerade so den Idealfall skizziert, dass man nach sechs Monaten die Genehmigung bekommt. Häufig gibt es natürlich erst mal einen Ablehnungsbescheid. Man muss einen Widerspruch einlegen, muss sich wieder erklären, muss weitere Atteste einreichen. Gerade wenn man - wir haben ja in Berlin noch dieses Sonderzeichen T für den Transfer, Transport, für die Mobilität -, wenn man das noch benötigt, gibt es eigentlich sehr, sehr häufig diese Ablehnung und dann muss man wieder erklären, dass man aber gar nicht so weit gehfähig ist. Und so weiter. Also, es ist immer sehr individuell, ob es eine schwierige Geschichte wird oder nicht. Also, eigentlich haben wir hier so das Problem, dass wir ja gerade das Thema Behinderung eher aus menschenrechtlicher Sicht betrachten wollen. Und eigentlich sind dafür knallharte medizinische Fakten ja erst mal Voraussetzung, die mich dann sozusagen in meiner Teilhabe einschränken. Das muss ich ja dann auch, oder, muss ich das begründen als Mensch, der einen Schwerbehindertenausweis benötigt, oder müssen die mir das begründen? Nein. Also leider Gottes ist es ja in Deutschland immer so, wenn wir Menschen mit Behinderung etwas wollen, müssen wir natürlich auch begründen, warum wir das brauchen und warum es so notwendig jetzt für uns ist. Und das ist natürlich auch ein großes Hindernis, was du gerade noch mal aufgemacht hast, für viele Menschen. Nämlich, dass es sehr medizinisch betrachtet wird, dass man gerade sagt, Mensch, aber ich bin ja Mensch mit Behinderung, ist ganz ja offensichtlich oder auch nicht offensichtlich, wenn es eine nicht sichtbare Behinderung ist. Aber ich fühle mich jetzt am gesellschaftlichen Leben sehr eingeschränkt und brauche deshalb diesen Antrag und muss jetzt aber wieder 1000 Atteste einreichen, mich vielleicht noch mal neu begutachten lassen. Und das ist ein ganz großes Hindernis, warum viele Menschen mit Behinderung auch sagen: "Wissen Sie, Frau Bießmann, ich habe das jetzt alles gehört. Ich entscheide mich trotzdem dagegen." Was ja auch das gute Recht von Ratsuchenden ist. Aber da ist der Zugang einfach sehr schwer gemacht. Und wenn ich das hier vielleicht noch anmerken darf. Was auch immer wieder Thema ist, ist es denn von Vorteil einen Schwerbehindertenausweis zu haben, wenn ich berufstätig bin bzw. wenn ich auf Arbeitssuche bin, und das meinen Arbeitgeber:innen mitteile? Da ist dann auch ganz häufig Pro-Contra. Wenn es eine nicht sichtbare Behinderung ist, muss der, die das denn überhaupt wissen? Spielt ja eigentlich gar nicht so eine große Rolle. Und gerade in Bewerbungsgesprächen, hören wir immer wieder, ist es dann das Problem, ah, dann kann ich Sie ja gar nicht kündigen. Was ja auch so ein Ammenmärchen ist. Ich glaube, das haben wir alle schon in unseren eigenen Leben ganz häufig gehört und denken uns dann immer wieder, ja, aber so ist es ja gar nicht. Wo können sich dann Menschen hinwenden, wenn sie damit Probleme haben, also bei der Beantragung oder sie bekommen einen Ablehnungsbescheid? Wer wäre da der richtige Ansprechpartner oder Ansprechpartnerin? Genau. Also prinzipiell ist es natürlich immer ratsam, sich an die ergänzenden unabhängigen Teilhabe-Beratungsstellen zu wenden, weil, wie der Name schon sagt, wir wirklich alle super unabhängig sind und mit den Menschen gemeinsam gucken, was ist möglich, wo könnte man vielleicht noch mal nachjustieren? Wenn es dann aber in den Widerspruch geht, ist es natürlich ratsam, sich im Internet zu informieren. Welche Anwält:innen sind gut auf dem Gebiet? Da gibt es mittlerweile ganz viele Listen, wo man sich wirklich gut informieren kann. Oder gibt es natürlich auch kostenlose Rechtsberatung, an die man auch erst mal im Vorhinein gehen kann. Aber wenn der Widerspruch noch nicht da ist, dann unbedingt an die EUTBs. Es gibt in Deutschland über 500, von daher sollte vielleicht Jeder und Jede da eine Möglichkeit haben, mit Jemandem in Kontakt zu treten. Und wie sind eure Erfahrungen, wenn betroffene Menschen dann endlich den Schwerbehindertenausweis genehmigt bekommen haben? Bekommt ihr da auch Rückmeldungen dazu? Ja, das ist so ein bisschen das Dilemma in unserer Beratungssituation, dass wir häufig von den Menschen natürlich nur Weiteres erfahren, wenn es problematisch wird. Im Erfolgsfall ist ja alles gut gegangen. Dann sind wir nicht mehr die Ansprechpartner:innen. Wenn wir mal davon erfahren, oder, Berlin ist zwar groß, aber manchmal trifft man Menschen ja zufällig, vielleicht im Zug oder so, wieder. Dann ist es schon Erleichterung. Es ist so gut, dass ich das jetzt habe. Also, gerade im Studierenden Kontext höre ich das sehr häufig. So gut, dass ich das jetzt habe. Jetzt muss ich nicht mehr Anträge ellenlang schreiben und mich immer wieder begründen, warum es für mich so notwendig ist. Sondern, ich schreibe einen kurzen Zweizeiler, mache eine Kopie von meinem Ausweis dazu und dann geht es in der Regel viel leichter durch. Und das hören wir auch häufig von Dozent:innen, mit denen wir aus unterschiedlichen Gründen Kontakt haben. Dass es für die dann natürlich auch leichter ist, etwas zu entscheiden. Aber ist es auch so, wenn ich einen Schwerbehindertenausweis habe, muss ich den dann überall vorzeigen? Und muss ich das meinem Arbeitgeber sagen? Oder kann ich ihn so verwenden, wie ich es für richtig halte? Genau. Das ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt. Das ist mein Ausweis. Ich gehe damit so um, wie ich es in dem Moment brauche. Als Nachteilsausgleich nämlich. Also, ich bin nicht damit verpflichtet, den um meinen Hals zu baumeln und überall zu sagen, Hallo, ich bin Mensch mit Behinderung... mein Schwerbehindertenausweis. Also, da habe ich wirklich die Selbstbestimmung, was uns ja auch immer ganz wichtig ist. Ich gehe selbstbestimmt mit meiner Behinderung und auch mit diesem Ausweis um. Ist es dann auch so, dass, wenn du sagst, dass manche Menschen sagen, dass ihnen die Hürden zur Beantragung dieses Ausweises zu hoch erscheinen, dass die Dunkelziffer in Deutschland ja dann viel höher liegt? Also, offiziell haben wir ja, ich glaube, 7,9 Millionen Menschen, die als schwerbehindert gelten und über 10,5 Millionen Menschen, die generell eine Schwerbehinderung haben. Wie hoch schätzt du die Dunkelziffer ein? Bzw. welchen Schritt brauchen die Menschen, um überhaupt selber zu erkennen, dass sie eine Einschränkung haben? Also die Dunkelziffer, aber das ist jetzt wirklich ganz subjektiv, ich würde sagen, zwischen 30 bis 50 % gibt es noch Menschen mit Behinderungen, die eigentlich einen Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis per se hätten, es aber nicht nutzen. Aber wie gesagt, das hat keine tiefere Quelle. Und was braucht es? Also, zum einen braucht es mehr Öffentlichkeit für diesen Schwerbehindertenausweis. Was bringt der mit sich? Und nicht immer nur diese Ängste schüren, dass ich nämlich dann gerade im Berufsleben Nachteile hätte. Sondern wirklich ein bisschen gucken auf diese Nachteilsausgleiche. Das einfach viel mehr in den Fokus rücken. Und wirklich mal weggehen von diesem Medizinischen. Diese 1000 Atteste einreichen zu müssen. Sondern wirklich zu gucken, okay, das ist ein Mensch mit Behinderung, braucht das und das. Okay. Anspruch auf den Schwerbehindertenausweis. Und das wirklich wesentlich niedrigschwelliger machen und nicht so einen hohen bürokratischen Aufwand. Dann würden wesentlich mehr Menschen, die ihn brauchen, ihn auch nutzen bzw. beantragen. Das ist doch mal ein guter Appell auch an die Politik da draußen, dass der Zugang dafür den Menschen erleichtert wird. Jenny Bießmann, ich danke recht herzlich für das Interview und dass du heute Zeit hattest für uns, uns da mal aufzuklären aus Sicht einer Beratungsstelle, wie es Menschen geht, die einen Schwerbehindertenausweis beantragen. Das war Alexander Ahrens im Gespräch mit Jenny Bießmann über die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises. Dieser Podcast wird ermöglicht durch die Förderung vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Das lasse ich mir nicht bieten - Der Podcast über Wege durch den Rechte-Dschungel. Eine Produktion von ISL - Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e.V. Mehr Informationen und Kontaktaufnahme über die Webseite www.isl-ev.de.

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